ALBION STAR - Abenteuer in Liverpool

Albion Star – Landgänge in England

 

Albion Star

(Ex Columbia California – original Rheingold)

 

Anfang August 1982 – Betrachtungen auf Landgang in England

 

Auch der schönste Urlaub geht zu Ende. Vor einigen Tagen bin ich in Rotterdam auf diesem Wurstwagen eingestiegen. Die Reederei hat mal wieder ordentlich gespart und uns 11 Mann hoch mit diesem Minibus von TRANSTEAM von Hamburg dahin gekarrt. Die „Albion Star“ ist mit ihren 380 Stellplätzen ein eher kleines Containerschiff. Eins aus dieser Viererserie der Werft „Ohrenschleim & Knorpel“, wovon ich die Rienzi zwei Jahre früher mit dem Spitznamen Klapperkorn (klein, laut und unkomfortabel) nicht eben in bester Erinnerung habe.  

 

Nun gut, man kann es sich nicht immer aussuchen. Immerhin aber eine annehmbare Crew. Für mich vorrangig vor allem der gleichfalls neu eingestiegene Alte – Herbie Fischer. Eine erfreuliche Ausnahme heutzutage. Wurde von der Crew damals schon auf der Klapperkorn verehrt. Trotz seiner körperlichen Kleinheit von höchstens 1,63 kein Giftzwerg, nein – eine Seele von Mensch, ausgeglichen, freundlich abwartend, klug entscheidend. Fleiß, persönlicher Einsatz auch in Belangen anderer und ein besonders ausgeprägtes Wissen in Nautik, Geografie und alt überlieferter Seemannschaft. Es fallen einem gar nicht genug Superlative ein zu dem Mann. Also einer, der es wirklich bringt in seiner Position und nicht nur den „Master next God rauskehrt, wie so viele seiner Kollegen, wenn sie sich nicht mehr anders durchsetzen können.

 

Zurück zum Schiff selbst. Absolut neu für mich – die Telex-Anlage! Seit rund einem Jahr werden so nach und nach alle Reederei-Dampfer damit ausgerüstet und nun hat auch mich dieses Ding ereilt. Nach allem, was man so hört eine feine Sache –nach 130 Jahren Morsetaste ein Quantensprung in der Funkerei vergleichbar mit der Erfindung von Herrn Gutenberg. Aber wenn das wirklich so billig ist, so einfach und unerhört effektiv, dann kann man sich leicht an allen zehn Fingern ausrechnen, dass es bald vorbei sein wird mit unserer Funkerherrlichkeit bei der Seefahrt. Aus Jux und Dollerei und aus christlicher Nächstenliebe schon gar nicht bauen die solche 40.000-Mark-Anlagen ein auf den Schiffen, wenn sich das nicht ganz gewaltig für sie rechnet. Wären ja schön blöd, die Herren Reeder. Sind diese Tickerkästen ein erster Schritt, uns ‚Sparkies’ in absehbarer Zeit ganz einzusparen? Länger als bis 1990 wird es damit wohl nicht mehr dauern. Bleibt nur zu hoffen, dann einen einigermaßen befriedigenden Abgang zu haben.

 

So, nun bin ich mal gespannt auf den Wunderkasten - hab so was sonst nur von ferne mal gelegentlich auf der Agentur gesehen. Hier löse ich den Kollegen Graf ab. Seim Laden scheint in Ordnung zu sein, Station funktioniert bei der Vorführung, viel Zeit zur Übergabe ist allerdings nicht. Zum Glück kenne ich den Sender und auch die anderen normalen Geräte. No problem.

 

Aber das Telex! Die Handhabung und das ganze Drumherum sind absolut Neuland – für mich. Mit der Vorführung und einem kurzen Test QSO mit HEC gebe ich mich nicht zufrieden. Es gibt da vier umfangreiche Betriebsanleitungen, teils in deutsch und teils in Englisch. Und alles bunt durcheinander. Wie wäre es denn mit einer logisch nachvollziehbaren Reihenfolge? Dann das SITOR-Gerät. Was ist das denn überhaupt für ein Ding? Aha, also eine ßpeschell mädschigg box, um die komplizierten Signale der nach internationalen Standards programmierten serienmäßigen Telexmaschine Siemens 1000 irgendwie an den Sender anzupassen und dann verschlüsselt in den Äther zu zwitschern. Umgekehrt werden die von der Gegenstation auf meinem Empfänger ankommenden Signale im SITOR umgesetzt und dann mit der Telex-Maschine ausgedruckt. Weiter gibt es da zur Absicherung noch so eine Kontrolleinrichtung zur Vermeidung von Übertragungsfehlern, die auch vom SITOR selbsttätig gesteuert wird. Alles ein bisschen viel, um das alles auf die Schnelle zu verdauen.

 

Aber der Kollege hat's eilig. Der Bus wartet. Juckt mich nicht, lass ihn doch warten. „Los, mach mir da mal ein schriftliches Konzept Kollege, damit ich nicht so völlig aufgeschmissen losfahren muss mit dem Ding.“ Macht er dann ja auch. So aus der Sicht des erfahrenen Praktikers heraus, was allgemeine Grundkenntnisse voraussetzt. Die jedoch uns ollen Tastfunkern zu vermitteln, hat sich das Mutterhaus in Hamburg einfach erspart. Merke ich später spürbar –   nach Auslaufen – als es soweit ist, dass ich das erste Telex in den Äther befördern soll. Kollege geht von Bord.

 

Kurz drauf die entwürdigende Szene unten am Bus, als der holländische Zoll sich Stück für Stück durch sein Gepäck hindurch schnüffelt. Die liegen buchstäblich auf den Knieen bei ihrer Grabbelei und finden dann prompt eine Stange Zigaretten zuviel. Peinlich! Für den Zoll, meine ich. Wofür haben wir eigentlich diesen Common Market?! Na ja, es geht dann nach rügenden Zeigefinger du du du gnädig noch mal so ab. Die glücklichen Abgelösten einschließlich F.O. fahren los und ich hänge da mit meinem Talent. Eine Gnadenfrist: Der Dampfer läuft erst am nächsten Abend aus. So habe ich wenigstens etwas Zeit, mich in die Materie zu vertiefen. Etwas Bammel bleibt: Ob das denn auch klappt mit dem Ding? Am Dienstag (nächster Tag) Überfahrt nach Newhaven (englische KanaIküste). Ankunftstelegramme per Morsetaste.

 

Newhaven – ein für britische Hafenverhältnisse unerwartet sauberes nettes kleines Town. Seebad und Fährhafen nach Frankreich. Erster Abend im Fährhafen-Bahnhofs-Pub. Teile der Besatzung da. Kleinen Brand, hätte man sich schenken können. Versuche Telefonat mit zuhause. Negativ – das britische Münztelefon-System ist schlicht und einfach – na, sagen wir großer Mist. Mit Münzsperre bis Verbindung da und ähnliche Scherze. Dazu 5-stellige Vorwahl nach Deutschland. Mir langt’s, ich geb’s auf.

 

Am nächsten Tag Einkaufsbummel mit Herrn Sack. Frischgebackener aber nicht mehr ganz taufrischer 3.0ffz. vom Schlag nordischer Recke. Liebt Auftreten nach Junkerart, so wie er sich gern darstellt. Womit er anfangs aneckt, aber irgendwann später erweist sich das als Fassade und er findet sich gut rein in die Bordgemeinschaft. Ist eben nicht ganz einfach, so eine Gratwanderung wie den Sprung vom Enddreißiger an Land über den Leichtmatrosen – also Auszubildenden – zum Nautiker zu verarbeiten. Zwischendurch war er auch schon mal Redakteur bei einer Yachtzeitschrift. Ist ein gutes Beispiel dafür, was alles so irgendwann bei der Seefahrt landet.

 

Seeleute lieben Einkäufe im Hafen. Man ist immer etwas exotisch ausgerüstet, egal ob es sich um Arbeitszeug, Sportartikel oder Unterwäsche handelt. Für letzteres sind in Qualität und Preis die USA lange Jahre unschlagbar und. Ebenso für Eiscreme. Hier im United Kingdom ist man spezialisiert auf Sportartikel und Fachliteratur. Sprich Playboy, Penthouse und Artverwandtes – in großer Auswahl. Was auf Hein Seemanns wochenlangen Seetörns die Erinnerung wach halten soll, daran – dass es noch was anderes gibt im Leben als Rostkloppen, Malen und Kolbenziehen.

 

Neben Fachliteratur, Waschpulver brauch ich noch fehlendes Büromaterial. Waschpulver? Ja! Es fehlt an allem an Bord. Wie man später hört, hat die Reederei dem vorigen Alten und dem Chief reichlich böse und in übler Manier einen übergebraten wegen angeblich zu hoher Verbräuche und Tageskosten. Das Schiff läge allgemein um 600 und im Maschinenbereich um 1000 Märker (pro Tag!) über den sonstigen Schiffen. Trotzdem ist alles knapp auf der Gurke. Der Steward B. (eine Type für sich) erklärt mir gleich nach Ankunft, dass ich meine Handtücher selber zu waschen habe - der letzte Alte hätte seine auch selber gewaschen, wären zu knapp! Mann, wo bin ich denn hier gelandet!

 

Zurück zum Einkaufsbummel. Eine ansehnliche Fußgängerzone haben sie hier. Es sind alle Arten von Läden vertreten, die man so braucht. Bei Woolworth billige Preise. Die Leute alle überraschend sehr freundlich. Wir kaufen Sonnenliegen, Waschpulver, ich noch einen Entklammerer und eine Waage. Dann der Knaller: Ein riesiger Antik-Shop in einer umfunktionierten Kirche! Endlich mal eine passende Verwendung! Und es finden sich zwischen betagtem Gerümpel – echte Raritäten. Bilder, Möbel, Geschirr; alles noch aus Englands guter alter Kolonialzeit. Mein dritter Blick fällt auf einen altertümlichen Besteckkasten; 25 Pfd. soll er kosten. Rund 50 Teile von ehemals 60 bis 65 sind noch vorhanden. Messergriffe aus Elfenbein, Löffel und Fischbesteck Silber mit Stempel, Schneidzeug aus rostfreiem Sheffield-Stahl mit "By Appointment to H. M. the King" drauf. Find’ ich gut. Zurückstellen lassen?! Bis morgen?? Nein! Mitnehmen, ehe es weg ist. Ramsche noch ein Schnapsglas "Vierlanden" dazu und ein Souvenirtässchen "Gretna Green", beides wird mir geschenkt. Rein ins Taxi mit dem ganzen Bickbeerenmus, ab an Bord – restliche Einkäufe am nächsten Morgen.

 

Vier Pubs haben wir entdeckt auf dem Weg, gepflegt, eine sogar richtig gediegen. The "Bridge Inn". Richtig schöne alte Möbel drin; Schaukelstühle und so genannte Captain's chairs. Vor sechs Uhr Abends läuft nix in Englands Kneipen, das weiß man als Seemann. Wenig später sind wir da. Einige von der Crew haben sich eingefunden: Der 2.0ffi, der saudoofe Deckschlosser L. (bis dahin nie einen Menschen getroffen, der sooo lügt). Später allerdings kamen doch noch einige dazu.

 

Beim Bier die übliche Beschau der anwesenden Weiblichkeit: "Die??? -Niee!" Dem Schlosser vor allem waren die zu fett, zu dürr, zu blöd, was weiß ich. Aber wer dann dumm und alleine in der Ecke rum hing, war letztlich er. Und es war weiß Gott Material genug da. Drei Rum (Old Cockspur - Barbados) und eine Cola und ich bin angeduhnt. Taxi zum zwei km entfernten Dampfer kostet praktisch so gut wie gar nichts.

 

Morgens dann wie vorgehabt nochmals ins Town marschiert und die restlichen Einkäufe erledigt. Ein Dartboard und vier Satz Pfeile werden benötigt. War zwei Tage zuvor allgemein beschlossen worden. "...Es müsste mal was gemacht werden..., ich bin voll dabei..." Na, die Sprüche kennt man ja. Immerhin hat sich die Anschaffung im Nachhinein bewährt. Hein Seemann will bemuttert und beschäftigt werden.

 

So! Ich nun mit meinem Besteckkasten! Was machst Du nun eigentlich damit?!? Ich verfalle mittlerweile in Überlegungen nach Sinn und Nutzen dieser Erwerbung. Am Auslaufmorgen vom Schuppenbüro in Newhaven aus meine Freundin angerufen. Die findet den Kauf scheinbar ganz gut. (Andererseits, was sollte sie auch meckern darüber...). Also muß ich das Ding irgendwie Richtung Heimat auf den Weg bringen, wenn ich mich nicht später mit dem brasilianischen Zoll rumärgern will.

 

Nächster Hafen Liverpool. Unterwegs erster Funkkontakt mit Compagnie-Dampfer; die Aquaba Crown. Gleich rauf auf Telex. Klappte. Nee, eben doch nicht. Abgebrochen. Den nächsten Kollegen auf Quasselwelle! Es ist die Tannhäuser (DILT). Kollege Bernard. Klappt schließlich doch. Gibt mir eine Stunde lang jede Menge Tipps für Telex. Ein Grundkursus über das Betriebsverfahren, die Tasten am SITOR usw. Nun weiß ich wenigstens schon mal was. QRX LTR.

 

9.8.82 Ankunft Liverpool. Wie kriege ich bloß diesen Besteckkasten nach Hause? Es müssen einige Leute - wie üblich - zum Arzt. Diese obligaten Arztgänge sind eigentlich verwunderlich bei einem Beruf, wo man (nach Bundeswehrstandard) Tauglichkeit 2 verlangt; aber sicher hat es einiges mit den weit kürzeren Liegezeiten der Kistendampfer im Vergleich zu den Stückgutjägern von früher zu tun. Egal. Paket ist gepackt, Erlaubnis vom Zoll habe ich auch, denn man los. Bis zum Arzt mit den anderen mitgefahren, dann setzte ich mich ab. Postamt 200 Meter weiter. Wo denn - aha, Bonbonladen mit angehängtem Postbetrieb, ja gibt’s denn das! Mein Paket ist angeblich zu schwer. So ne Scheiße. Muss also zum nächsten Postamt damit. So eine Art Zentrale. Na, hoffentlich nicht auch für Bonbons! Taxi! Ist nicht weit. Am Schalter Liverpooler Dialekt und das dann durchs kleine Fensterchen - das soll einer verstehen. Gestikulieren, hm. Zum nächsten Schalter. Beamter jung, eifrig, aber doof. Das Paket muss ich selber wiegen (außerhalb des Schalters). Zu schwer...? Noch mal. Jetzt bin ich doof. Habe nicht begriffen, dass die Obergrenze hier 10 Kilo. Gibt’s doch nicht, hatte an Bord auf meiner neuen Waage schließlich nur 8 Kilo. Der Beamte führt mir zehn Minuten lang seine Scheiß gedruckten Dienstanweisungen vor, denen zufolge ein Limit bei 10 Kilo liegt. Hätte ich Idiot doch nur den Finger unter die Waage gehalten, es waren höchstens 30 Gramm drüber. Der Beamte gibt mir eine Telefonnummer; ich soll bei der Hauptpost anrufen, ob es vielleicht eine andere Möglichkeit gibt. Heiliger Bimbam, die sind ja noch bürokratischer als wir Germanen!

 

Außerdem, bei denen ihrem idiotischen Telefonsystem plus Liverpool-Slang (Lebertümpel-Sprache!) wird ein Telefonat eh nix! Es hilft nichts; der verschanzt sich Brillerutschenderweise, bleich und Angstschweiß bestirnt hinter seinen verdammten Vorschriften und dazu mit Aktendeckel vor die Fresse. Fuck you, creep!

 

Telefon soll draußen sein. War auch. Müssen sich Rocker oder Punker oder alle zusammen kürzlich eine Schlacht in den Zellen geliefert haben. Sinnigerweise, obwohl nicht eine einzige heile Scheibe in den Rahmen und auch sonst kein heiles Gerät zurückgeblieben war, hat man die Zellen abgeschlossen!

 

Ich irre anschließend durch das nebenan gelegene, brandneue Einkaufszentrum und das mit dem verdammten 10,030 Kilo-Paket von der Größe einer Selterskiste auf dem Ast. Weitere Telefonzellen hat man wohl in Hinblick auf die demoliertem erst gar nicht weiter aufgestellt, wozu auch. Ich stelle mich einfach einem in den Weg – so ein  braungebranntes Mecki-von-Hörzu-Gesicht, eilig geschäftig, aber netter Typ: "Please, excuse me, do you know where's the next telephone booth?" Nachdenken bei dem mit Finger an die Stirn, dann langatmige Erklärung... Muss da irgendwo um 7 Ecken rum sein, Treppe runter usw. Ob es denn eilig wäre?! Na ja, doch, erkläre ihm dann meine Misere; Container – short time in port usw. Verständnisvolles Aufleuchten. Hat wahrscheinlich dieselbe Meinung von seinen Behörden wie ich von den unseren und schleppt mich dann in einen Friseurladen, ungefähr 30 Meter weiter. Damensalon, ja aber männliche (?) Gesellen dort. Alle mit Ringlein im Ohr und Tänzelschritt, na ja. Und dann fängt er an zu telefonieren! (Es stellt sich raus, dass er der Manager von dem Laden ist). So wie der da rumtelefoniert, merke ich schnell, daß ich mein Paket so nie losgeworden wäre. Abgerissene Worte, wartet, kaut auf der Lippe, raunzt und hadert mit dem Menschen (?) am anderen Ende, zig Verbindungen (ich lege laufend neue Pence-Stücke hin), aber er schüttelt abwehrend mit dem Kopf und fixiert die kahle Wand und bellt währenddessen weiter. Ich selbst bin zu faul (oder auch zu abgeschlafft), um auch nur den Versuch zu machen, geistig aufzunehmen, was er dem Menschen am anderen Ende da eindringlich an den Kopf schmeißt. Dann endlich erhellt sich sein Gesicht, er schmeißt den Hörer auf die Gabel und marschiert mit mir los. Zum Postamt zurück!

Friseur erklärt dem Typ dort nun die ganze Paketstory noch mal und der verschwindet nun, nachdem er erstmal mit seiner vorgesetzten Behörde im Hauptpostamt telefoniert hat, in den Keller. Dort gibt es nämlich eine geeichte Waage!

Während wir warten, lade ich meinen netten Helfer in der Not seemännischem Brauch gemäß zu einem Drink ein; hat er sich ehrlich verdient! Lehnt leider ab. Ist in Eile, sagt er - und das nachdem er mir mindestens 40 Minuten geopfert hat. (Ich versteh die Welt nicht mehr. Wenn ich den noch mal treff, dann gibts aber ein Besäufnis). Ab jetzt läuft plötzlich alles klar. Der Clou-Effekt: Im Keller der Post hat man festgestellt, dass das Paket unter10 Kilo wiegt. Das Problem hat sich damit von selbst erledigt hat. Na – ob die Limey-Postler da um dieser lausigen 30 Gramm zuviel nicht doch haben Fünfe grade sein lassen? Andererseits ist das dann aber auch nicht gerade ein Renommee für die offiziellen Waagen der britischen Post im Schalterraum! Wer weiß denn, wenn die in allen Postämtern Ihrer Majestät so ungenau sind, wieviel Hunderte von Kunden da schon übergebügelt worden sind. Na ja, die Paketgebühr nach Old Germany beläuft sich auch so – teuer genug – auf 11 Pfund 10 Pence! Dadurch hat sich der verdammte Besteckkasten noch mal ganz schön verteuert; bleibt zu  hoffen, dass er sich dessen auch wert erweist!

Mecky hats nun wirklich eilig und haut ab. Übrigens - das hat er mir noch erzählt - er ist am Tag vorher von Südfrankreich zurückgekommen (Urlaub; daher also auch die Bräune!) und so wusste er auch ganz frisch aus eigener Erfahrung wie es ist, wenn man als hilfloser Ausländer irgendwo dumm rumhängt!

Die Geschichte mit dem Besteckkasten ist damit noch keineswegs zu Ende. Er ist einige Zeit später heil in HL eingetroffen. Ruth musste deswegen extra zum Zoll. Der fand da nichts Verzollenswertes dran, aber der bis dahin auf dem Deckel aufgeklebte Schlüssel war danach unauffindbar. Na ja. Nachdem ich und alle anderen nach meiner Rückkehr Monate später den Kasten gebührend bewundert hatten, machte ich mir nun doch Gedanken, was damit eigentlich anzufangen wäre. Sah ja sehr schön aus, auch wenn er bei weitem nicht komplett war, aber zum Essen waren die Messer, Gabeln und Löffel durch ihre gar zu altmodische Form nun doch höchst gewöhnungsbedürftig. Ein Trost immerhin, dass alles aus purem Silber, Elfenbein und Edelstahl besteht – dachte ich. Nachdem der Kasten schon eine Ewigkeit nutzlos im Wege herumstand, schnappte ich mir eines Tages das Ding unter den Arm und beschloss, die Lübecker Antiquitätenläden abzuklappern. Frau von Zitzewitz in der Hüxstraße war zumindest ganz angetan von dem Gerät und erbot sich, den Kasten zum Verkauf in ihrem Laden auszustellen. Sie zweifele aber etwas an der Echtheit des Elfenbeins und war sich nicht so ganz sicher, ob man in den 20er Jahren nicht doch Elfenbeinimitationen aus Kunststoff herzustellen verstand. Wie Recht sie hatte. Gab es doch! Sie hat einen Experten aufgetan und ...na ja, eben doch so eine Art Plastik. Mit dem Silber war es nicht viel anders, nicht massiv, nur versilbert. Sie war aber so nett und behielt den Kasten trotzdem in Kommission zum Verkauf da. So manches Jahr mal schaute ich rein, aber nein, keiner hatte lausige 400 Piepen für ein erstklassiges antikes Besteck anlegen wollen. Es mangelt den Leuten eben an Sinn für Kunst und anspruchsvolle Esskultur! Dann aber, im Herbst 1987 war der gewohnte Platz mit einem mal leer. "Na", frag ich, isser nu weg?" "Ja", sagt sie. "Verkauft?" "Nein" sagt sie. Auf meinen verwunderten Blick dann weiter: "Bei mir ist im Frühjahr eingebrochen worden und da verschwand auch der Kasten. “Und..." frag ich. "Ja, die Versicherung hat gezahlt. Nicht so viel, wie wenn er verkauft worden wäre, aber 270 Mark ist ja auch ein bißchen was, nicht wahr?" Na, war ich aber happy. Hatte diesen Spontankauf schon lange als Verlustgeschäft abgeschrieben und nun doch ein unerwartet erfreulicher Abschluss der Geschichte.

Am selben Abend nach der Postarie bin ich dann mit dem Blitz los. Uwe, ein netter Kerl. Telefonieren! Wir lagen ja an der Container-Pier in Bootle. Also los zu Fuß zum Seemannsheim. Circa dreiviertel Stunde zu laufen. Endlich mal einer, der nicht zu faul ist zum Laufen. Seemannsheim total tote Hose. Etwa so anheimeld wie die Kantine bei Blohm + Voss. Zum Telefonieren noch zu früh. Also los, Kneipe suchen. Finden auch eine in der Nähe. Für ne Pub ein bisschen vornehm, aber für mal eben nur  ein Bier okay. Ein paar Frauen sitzen da rum, lauern auf Gesellschaft. Alle allein oder zu zweit, Wein trinkenderweise. Nix dolles. Es wird Zeit zum Telenieren, zurück ins seamens center. Vorher waren 3 Gäste da und jetzt 6, einschließlich uns. Bier schmeckt nicht. Telefonate erledigt, nichts weiter hält uns hier. Der Matrose Neuhaus, der zusammen mit dem "Zerzausten" da ist so nennen sie den kleinen Spanier Sanchez, sagt, dass weiter unten noch eine einigermaßen annehmbare Kneipe ist. Also hin. Landen aber doch in einer anderen, weil er den Weg falsch beschrieben hat. Nun also der Derby Inn. Nicht schlecht, hat Style, der Laden! Alt. Riesenhoch - mindestens 4 Meter. Einrichtung klamottig. Ein monströses Büffet von anno dunnemals. Langer hoher Tresen mit ner Menge Platz dahinter. Eine Treppe geht hoch zu einer Art Hinterzimmer mit Pool-Billard usw. Eine weitere Treppe links nach "private". Wir steigen um von Bier auf Cuba Libre. Ziemlich kleine Portionen, aber gut trinkbar. Zum Teil uriges Publikum. Alte Daddies mit schründigen Gesichtern. Hätten auch korsische Bergbauern sein können. Scheiß, warum hab ich meine Minox nicht mit!

Ein Macker Anfang 50 quatscht uns an, gibt einen aus. Irgend so ein halbseidener Typ. "Name's John" sagt er. Wir beide denken das gleiche - gegenseitige Bestätigung per Seitenblick. Einer vom anderen Ufer? Wir erstmal - typisch Hein Seemann -betont zurückhaltend, bewusst knurrig. Er schiebt dann ja auch wieder ab. Wir saufen. schnell noch einen – es ist 10 vor 11, gleich machen die "time please" hier. Na, noch einen. Den ganz schnell und, ja es klappt, noch einen. Nanu, nu isses aber schon dicke über 11, time please is nicht. Was’ das denn…Ganz was Neues in Limeyland. Keiner von denen trollt sich hier im Saal, alles hockt und quatscht und säuft weiter. Wir auch. Haben schon gut einen sitzen. Thema - typisch Jan Daddel - über alles Mögliche vor allem aber über gehabte Schiffe. Fühlen uns sauwohl. Die Zeit vergeht. John schiebt sich ran, fängt erneut ein Gespräch an. Wo wir denn herkommen usw. Na ja (weIl), von da und da. Ja er ist auch schon mal gefahren, (natürlich) als Steward. Es stellt sich dann raus, dass er der Boss ist von dem Laden. Die Rede kommt irgendwie auf Münzen. Ich sag ihm, dass ich Münzen nicht wegen des Wertes sammle, sondern gezielt alte Silbermünzen wegen ihrer Schönheit. Die neuen Massenauflagen heutzutage kann man ja alle echt vergessen, werden ja bloß nur noch um des einträglichen Sammlergeschäfts willen geprägt!

John scheint beeindruckt. Bringt einen Kasten an mit unterschiedlichsten Münzen aus tausend Ländern und sagt, ich solle mir eine aussuchen. Bin baff und begeistert. Fische mir 4 oder 5 schöne Stücke raus und er sagt okay, kann ich haben. Habe gut gewählt, wie ich später feststelle. Wir kommen nun so richtig ins Klönen mit John. Ja, er hatte wohl gemerkt, dass wir sehr auf Distanz geblieben waren und er verstand das ja auch. Ab da lief es besser. Später stellte er uns noch seine Frau vor, damit waren unsere Bedenken dann ausgeräumt. Er hat ein paar herrliche alte Fotos vom Liverpooler Hafen in der Zeit vor dem 1. Weltkrieg in seiner Kneipe hängen. Ja, er versucht mir ähnliche zu besorgen; wir sollen auf jeden Fall nächste Reise wieder reinkommen.

Als wir den Derby Inn verlassen, ist es bereits zehn nach Eins! Unerhört für britische Verhältnisse. Übrigens, die Pinte ist 150 Jahre alt und damit die älteste Kneipe im ganzen Viertel. Taxi ist nicht. Der Blitz will zu Fuß nach Hause, da ist er konsequent. Donnerwetter, so was ist eine Rarität bei der Seefahrt, selbst für mich. (Von Bord gehe ich, wenn irgend möglich zu Fuß - damit man mal wieder die Knochen bewegt, ja. Aber für den Rückweg nach gehabter Kneiptour, da lasse ich mich aber gerne vom Taxi bis an die Gangway fahren. Na gut, recht hat er, der Blitz.

Nach circa 20 Minuten kommen wir an einem näher gelegenen Hafentor an. Zwei Bobbies und eine Polizistin – nanu – dort in der überheizten Wachbude und die sind ganz schön ausgelassen am Biertrinken und das mitten in der Nacht. Ich versteh die Welt nicht mehr; das in England! Und die laden uns auch noch ein! So was! Wir verstehen uns auf Anhieb alle bestens. Ron, Jerry und Maureen - sie ist anscheinend die Freundin von Jerry. Aus der Koje geschubst hätte ich die auch nicht. Aber ganz schöner Brocken, das Weib. Walküre – groß und gut bestückt. Die Uniform – schickes Käppi anders als die deutschen Tellermützen dazu kniefreier Rock – macht sie reizvoll. Einer der drei hat Geburtstag, das war also der Anlass für die Feier in dem winzigen Wachhäuschen. So gegen halb drei endlich machen wir uns an den Weitermarsch. Ist nicht! Wofür steht denn die grüne Minna (in diesem Fall ist sie blau) vor der Tür. Wir werden fein bis zur Gangway gefahren und verabschieden uns sehr herzlich voneinander. Nein, an Bord wollen sie nun doch nicht mitkommen, aber morgen vielleicht. . .

Inzwischen fahren wir schon seit gestern an der brasilianischen Küste längs und ich habe any many zu tun. Kannte ich bisher gar nicht in meinem Job. Bis ich mich in die Telex-Geschichte reingefuchst habe, das dauert noch seine Zeit. Mein Vorgänger hat mir ja herzlich wenig brauchbare Informationen darüber hinterlassen. Aber mit Hilfe von Kollegen - erst auf KW-Telefonie und dann direkt auf Telex - erhielt ich dann die nötigen Infos über den praktischen Betrieb der Anlage. (Harry Klein auf der Lanka Athula und Bernard auf der Tannhäuser). Sind mir eine echte Hilfe. Klappt jetzt schon ganz gut. Tolle Sache das; die Automatik in der Wirkungsweise kaum zu begreifen - fast genau so ein Wunder für mich wie damals meine ersten Telegrafieanfänge auf der "Friederike ten Doornkaat". Andererseits ist es mir vollkommen klar, dass diese fortgeschrittene Technik mich in wenigen Jahren meinen Job kosten wird. Wenn einer den Betriebsablauf erstmal begriffen hat, kann jeder Idiot das Ding bedienen. Wenn ich Reeder wäre, würde ich die teuren Funker auch bald einsparen, ehrlich!