BRANDENBURG

Leseprobe zu BRANDENBURG

Mit der BRANDENBURG nach Mexiko

Wir schreiben Monat April des Jahres 1966. Seit zwei Wochen nun hänge ich rum in Hamburg „an der Küste“ – auf der Suche nach einem Job. Zu dumm, auf dem letzten Dampfer hab ich mir nach neunzehn Monaten und einem Tag Fahrtzeit glatt einen Sack eingefangen, und das in Hamburg! Ja, so was gibt’s auch. Darüber wird an anderer Stelle mal zu berichten sein (s. Bd. 54 CAP VALIENTE). Die feine Reederei Hamburg-Süd bleibt mir deshalb fürs Nächste verwehrt, jammerschade, wirklich! Einige Tage lang versuche ich vergeblich mein Glück ‚auf’m Stall bei Max‘.  Nein, Zimmerleute sind anscheinend im Moment nicht gefragt. So klopfe ich nach mehr als zwei Jahren mal wieder bei „Kuddel Hapag“ an. Das altehrwürdige hauseigene Heuerbüro befindet sich noch immer in der Ferdinandstraße. Und Herr Ehrich ist noch immer im Amt. Ja doch, er hätte da was für mich – die „BRANDENBURG“. Fährt Mexiko und US-Golf. Nein, sonst ist derzeit nichts anderes in Aussicht und auch nicht so bald. Mir ist gleich klar, was mit dem Dampfer auf mich zukommt. Gerade die BRANDENBURG, hinter vorgehaltener Hand steht die für ‚Bewährungsschiff‘. Gebaut 1950 bei LMG in Lübeck und damit ist die schon 16 Jahre alt. Nach den langen Jahren des Wiederaufbaus der Flotte ist die alte Burgklasse inzwischen berüchtigt. DUISBURG, MAGDEBURG und AUGSBURG heißen die anderen drei von der ursprünglichen Viererserie von O & K.  Schlorren BRANDENBURG bedeutet für mich Hotel zur Schraube ‚vier Luken, zehn Bäume, Hand-MacGregor‘ wie auch schon auf der „guten alten“, aber bei Howaldt gebauten COBURG, das Bordnetz mit altmodischen 110 Volt Gleichstrom. Insgesamt also ein Abstieg für mich. Ich werde wieder einen teuren Zerhacker brauchen für mein Tonbandgerät, fällt mir ein als erstes. Egal was soll’s, sag ich mir, wie lange willste denn noch rum hängen hier.


Aber das Schiff ist noch nicht in Hamburg eingetroffen. Bis dahin soll ich Hafendienst machen, meint Herr Ehrich. Gleich morgen soll ich auf die ALEMANNIA und da für die Liegezeit des Schiffes den aktiven Zimmermann ablösen, damit der ein paar Tage nach Hause kann. Es ist einer von dieser berühmten neuen „ia-Klasse“. Als ich da an Bord komme, erlebe ich wahrhaftig ein Superschiff. Alles was man sich an Deck eines alten Stückgutdampfers jemals erträumt hat, das gibt’s hier im Übermaß. Keine schweren Lukendeckel aus Holz sind mehr zu wuppen, es gibt überall eine fest installierte Lukenbeleuchtung, das Schwergut erledigt sich ohne großes Auftakeln hier mit dem Stülckengeschirr und es gibt auch kein Geiengezerre mehr, das geht hier gleichfalls automatisch wie fast alles. Alle Einrichtungen für die Besatzung sind gemütlich und fast komfortabel.


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Zu meiner Überraschung treffe ich an Bord Claus Stock wieder, genannt Knüppel. Auf der WIEN war er noch Kabel-Ede, hier auf diesem Traumschiff fährt er jetzt als Scheich. Aber er hat auch wirklich das Zeug dazu, hat sich das verdient. Na prima. Es gibt kaum was zu tun für mich; das Schiff ist so gut wie neu und die Kinderkrankheiten hat man nach den ersten beiden Reisen inzwischen beseitigt. Nachdem der Dampfer im Kaiser-Wilhelm-Hafen fertig ist mit Löschen verholt er zu Blohm + Voss ins Dock. Mein Platz ist wie immer auf der Back. Wir biegen mit einem Vorschlepper vorweg in den Werfthafen rein und ich bewundere so nebenbei den rumänischen Dreimaster MIRCEA an der Pier. Auch so ein stolzer Blohm + Voss-Bau aus der Vorkriegszeit, der da querab an der Pier liegt. Ist zur längst fälligen Grundüberholung extra nach Hamburg gekommen. Einen Platz weiter liegt die HOLSATIA von Hapags in der letzten Phase der Endausrüstung, ein Schwesterschiff von uns. Plötzlich bricht die Leine des Schleppers und das Vorschiff zieht es mit Macht nach Backbord rüber. Geradewegs auf den Rumpf der HOLSATIA zu.


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Der westdeutsche Nachkriegsfrachter BRANDENBURG war ein Schiff – mehrfach von Pech verfolgt, das immer wieder mal schlechte Schlagzeilen machte. Als 1957 das Segelschulschiff PAMIR bei den Azoren in einem Hurrikan unterging, da war die BRANDENBURG nicht weit weg; sie hätte helfen können. Dabei ist aber so manches schief gelaufen. Für den Funker an Bord war es die erste Reise überhaupt und mangels praktischer Erfahrung war er in diesem Notfall einfach überfordert. Der Kapitän war wegen einer akuten Erkrankung dienstunfähig und es gab weitere Ungereimtheiten, weshalb man der PAMIR damals nicht zu Hilfe gekommen war.


Um 1960/61 ist auf der BRANDENBURG ein so genannter  „Tankstellen-Mörder“ eine Reise lang unerkannt als Besatzungsmitglied mitgefahren. Die Hamburger Morgenpresse hatte mehrfach darüber berichtet, als ich noch auf der Werft arbeitete. Erst nach der Rückkehr des Schiffes in Hamburg wurde der Mann festgenommen. Jahre später in Puntarenas – einem Hafen an der Westküste von Costarica – wurde unter mysteriösen Umständen ein Besatzungsmitglied der BRANDENBURG von einem Gangster an Land ermordet. Beide deutschen Schiffsbesatzungen im Hafen haben sich damals zu einer würdigen Trauerfeier zusammen gefunden.


Das Ende. (Küstenklatsch und Zeitungsmeldungen)

Im Südausgang der Straße von Dover kollidierte am 11. Januar 1971 der panamaische Tanker TEXACO CARIBBEAN (13.605 BRT) im Nebel mit dem peruanischen Frachter PARACAS (9.481 BRT). Der Tanker explodierte, zerbrach in zwei Teile und sank. In den darauf folgenden Morgenstunden stieß die BRANDENBURG mit einem Wrackteil der TEXACO CARIBBEAN zusammen, das unbemerkt  bis eben unter die Wasseroberfläche wieder aufgeschwommen war. Dabei wurde der Schiffsboden so stark aufgerissen, dass auch die BRANDENBURG in Minutenschnelle sank. Das Schiff hatte zuvor in Antwerpen große Mengen Stahl für die Karibik geladen und wegen des hohen Gewichts der Ladung war viel freier Raum in den Laderäumen, sodass ungehindert eindringende Wassermengen  in kürzester Zeit den Dampfer absaufen ließ. Von den 31 Besatzungsmitgliedern, darunter zwei Stewardessen (manche sprachen auch von Familienmitgliedern), konnten nur elf von britischen Fischern gerettet werden. Ein gutes Teil Mitschuld an der Kollision tragen dabei britische Schifffahrtsbehörden, weil sie es versäumt haben, auf diesem am stärksten befahrenen Schifffahrtsweg der Welt das Wrack der TEXACO CARIBBEAN sofort und vorschriftsmäßig mit Seezeichen abzusichern.


Im Herbst 1970 sollte ein früherer guter Freund von mir namens Eberhard Kunze als Offiziersanwärter auf der BRANDENBURG anmustern. Da er bei der Hapag bis dahin fast ausschließlich auf den beiden ersten, sehr komfortabel ausgerüsteten Express-Schiffen ALSTER- und ELBE EXPRESS in dieser Position gefahren war, lehnte er die fast genau 20 Jahre alte BRANDENBURG mit der Begründung ab - unzumutbar! Stattdessen wechselte er zur Reederei CFA, wo ich mit ihm zusammen auf MS FRANCESCA fuhr, auf der so genannten „Maisstraße“ zwischen Italien und Argentinien. Dieser spontane Wechsel hat ihm mit einiger Sicherheit das Leben gerettet.